Back to Overview

Pitfire.net
17.03.2007 / David Spring

Plattentaufe Hotel Anker, Luzern

Nachdem ich die großartige CD „Men’s Room Romance“ kritisieren durfte musste ich diese Ausnahmeband einfach auch noch live sehen. Eine derart großartige 2-Mann-band hab ich seit den Abstürzenden Brieftauben (ein durchaus brauchbarer Vergleich) nicht mehr gehört.

So war ich also einmal mehr unterwegs nach „Lucerne Rock City.“ Dass das Konzert in einem Hotel/ Restaurant stattfand war nicht nur recht ungewöhnlich, vor allem aber verzögerte es den Einlass enorm. Nur immer vier Leute wurden gleichzeitig reingelassen. Somit verpasste ich die ersten 10 Minuten der Vorband mit dem wohlklingenden Namen „Auf Den Spuren Von Tim & Struppi“. Schlagartig wurde mir dann beim Betreten der Halle bewusst, wieso beim Einlass zum Beispiel schnieke Seemannsmützen verteilt wurden und überhaupt erschreckend viele Seeleute hier herumliefen. Dieses Deutsche Trio war keineswegs dem Punkgenre zuzuordnen, sondern spielte vielmehr die gesamte Palette Deutscher Schlager von „Griechischer Wein“ über „Junge Komm Bald Wieder“ bis hin zu „Biene Maja“. Als ob dies der Folter nicht schon genug gewesen wäre spielten sie auch vollkommen dilettantisch und alles andere als fehlerfrei (selbst für ein Punkkonzert!), aber irgendwie was das so herrlich grotesk, dass selbst die hartgesottensten Punks mitschunkelten. Ein Bild für die Götter.

Nach etwa 40 Minuten war der Spaß dann auch vorbei, doch was uns nun erwartete übertraf das alles noch bei weitem. Die beiden Versager-Lehrer enterten, beide im Seemannskostüm, die Bühne, gefolgt von einem fünfköpfigen hochgradig schwulen Seemannschor die Bühne und legten los. Dass man nur mit Gitarre und Schlagzeug so eine Power hinbringt überraschte mich live noch mehr als schon auf Platte, was die beiden aber wirklich unschlagbar machte waren ihre aberwitzigen Ansagen. Nach jedem Lied wurde munter drauflos gequatscht und hier darf selbst ich als verwöhnter Die Ärzte-Fan sagen, dass der Entertainement-Faktor von der ersten Sekunde an erschreckend hoch war. Hingegen wurde hier keine Sekunde auf Perfektion gesetzt, es rumpelte und pfiff aus allen Boxen und der „homoerotische“ Backgroundchor überzeugte vor allem durch exzessiven Schnapskonsum und äußerst eindeutige Posen. Nach und nach flogen immer mehr Bierbecher (leere aber vor allem auch volle) auf die Bühne, was die beiden Rockpädagogen aber kaum störte. So wurden kurzerhand halt auch Schwimmwesten angezogen, war die Bühne doch schon nach dem ersten Song unter Bier gesetzt. Auch vor der Bühne ging es ähnlich chaotisch zu und her, es wurde fleißig gepogt und sehr interessante (weil besoffene) Individuen konnten bestaunt werden.

Im sonst eher altehrwürdigen Saal des Hotels war die Party in vollem Gange, die Teachers waren sichtlich auch zufrieden. Auf den gelungenen Abend wollte man auch anstoßen, dies jedoch in Form des „Happy Stagediving“-Spiels, wobei das Publikum in zwei Teile aufgeteilt wurde, die „Hands Of Evil“ für Schlagzeuger Dr. punc. suc. El Padre, die “Wolfsklauen” Gitarrist Prof. roc. fuc. Turbowolf. Die Fans sollten den jeweiligen Musiker auf Händen quer durch die Halle zur Bar transportieren, dieser musste dort ein Bier bestellen und wer zuerst heil auf der Bühne angelangte gewann die Runde. Turbowolf konnte dann auch seinen Rückstand auf 2:3 etwas verbessern, obwohl er Kopf voran ins Schlagzeug geworfen wurde. Solange das Bier heil blieb war so was kaum der Rede wert.

Dass es bei diesem Konzert um Musik ging glaubte eh kaum jemand mehr, hier war feuchtfröhliche Party angesagt, mit äußerst aggressiver und chaotischer Punkmusik von zwei irrwitzigen Luzernen gespielt.
Der Abend bot aber noch mehr Überraschungen, denn es war ja schließlich kein normales Konzert sondern die Plattentaufe vom ersten FT Album „Men’s Room Romance“. Aus diesem Grund hatte man auch spezielle Gäste auf der Bühne, zum einen ein zweiter Gitarrist, der bei der Metal-Hommage „Heavy Metal Rules“ für große Soli zuständig war. Zum anderen war dies Kai. Kai war schätzungsweise acht Jahre alt und hätte an so einem Ort normalerweise (noch) nichts verloren gehabt. Aber der Name der Band kam wohl nicht von ungefähr... Auf jeden Fall durfte der etwas schüchterne Kai beim Song „Leaders United“ im Backgroundchor mithelfen. Umgeben von fünf schwulen Seebären war ihm augenscheinlich etwas mulmig und auch seine Eltern wirkten zwar stolz über die steile Musikkarriere aber auch etwas besorgt. Doch der Kleine meisterte den Auftritt bravourös und wurde anschließend gefeiert.
Nach etwa einer Stunde ging’s dann am Ende zu. Dies merkte man vor allem daran, dass mittlerweile der größte Teil der Bühne unter Wasser stand, die einzige Gitarre von Turbowolf langsam aber sicher arg verstimmt war, sich El Padre noch nicht einmal mehr auf der Bühne halten konnte und schlussendlich von ebendieser fiel. Mit einer übel verhunzten Version von „I am Sailing“ und der offiziellen Taufe der CD (Wer sich auf der Bühne befand musste das Album ablecken. Der Begriff „Homoerotik“ wurde an diesem Abend groß geschrieben.) war dann auch schon wieder Schluss.

Danach war noch Party angesagt bis morgens um vier, dank den großartigen Zugverbindungen konnte ich die leider nicht mehr miterleben. Jedoch hat die Schweiz für mich die Band des Jahres hervorgebracht, die Failed Teachers bieten wohl so ziemlich alles was man sich wünschen kann. Wer irgendwie kann muss sich diese beiden Chaoten unbedingt man ansehen und –hören. Einfach großes Kino, oder wie die Band es ausdrücken würde: Riot Rules The Town Tonight!

Back to Overview